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Portraits

Aktuellzum Archiv:Künstler-Portrait

Die Wienerin Sophie Thun beherrscht alle Kniffe der Dunkelkammer. In ihren komplexen Selbstporträts hinterfragt sie nicht nur die klassisch-analogen Techniken, sondern auch ihr eigenes Selbstverständnis als Fotokünstlerin in einem überwiegend von Männern dominierten Betrieb

Blicke aufs Ich



„Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt anzueignen. Es heißt, sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt zu setzen, die wie Erkenntnis – und deshalb wie Macht – anmutet“, so die New Yorker Schriftstellerin und Philosophin Susan Sontag in ihrem 1977 erschienenen Essay „In Platos Höhle“. Sich selbst zu fotografieren, hieße demzufolge, sich das Bild vom eigenen Körper fotografisch anzueignen, es in bestimmte Beziehungen zur Welt zu setzen und daraus Erkenntnis abzuleiten. Genau das praktiziert die 1985 in Frankfurt am Main geborene und heute in Wien lebende Künstlerin Sophie Thun auf vielfältige Art und Weise. Sie ist in Polen aufgewachsen, hat zunächst in Krakau und im Anschluss daran von 2010 bis 2017 bei Daniel Richter und Martin Guttmann an der Akademie der bildenden Künste Wien Malerei und Fotografie studiert.


Auf ihren neueren Aufnahmen ist sie fast immer selbst mit einem Selbstauslöser in der Hand zu sehen, so zum Beispiel in der seit 2019 als fortlaufendes Projekt entstehenden Serie „After Hours“. Es handelt sich um analoge Schwarz-Weiß-Abzüge, die die unbekleidete Künstlerin in verschiedenen Interieurs zeigen. Die meisten davon sind Hotelzimmer, andere mietbare Unterkünfte oder halböffentliche Orte, darunter ein Hamam. Stets ist die Künstlerin zwei Mal zu sehen, und zwar in Posen, die Assoziationen an diverse sexuelle Praktiken und weibliche Unterwerfung wachrufen. Um diesen Effekt zu erzeugen, hat Sophie Thun sich in den jeweiligen Räumen in verschiedenen Positionen inszeniert und aufgenommen. Die dabei entstandenen Schwarz-Weiß-Negative hat sie dann mit der Schere diagonal auseinander geschnitten und so wieder zusammengefügt, dass der Aufnahmeort und das verdoppelte Selbst durch den Akt der Belichtung in der Dunkelkammer ein neues Bild ergeben.

Die Methode der künstlerischen Intervention und die Konstruktionsweise dieser Bilder legt Sophie Thun stets offen. So bleibt zwischen den beiden Bildhälften immer ein kleiner Spalt vorhanden, der sich wie eine schwarze Linie durch den gesamten Abzug zieht. Außerdem ist zwischen den beiden zusammengesetzten Bildhälften ein kleiner, minimaler Versatz erkennbar. Um die rein analoge Erzeugung dieser Paarungen noch weiter zu unterstreichen, treten auf dem finalen Abzug die beiden Hände der Künstlerin als weiße Leerstellen bei Zusammensetzen der zwei Negativhälften in Erscheinung. Indem sie ihre Hände oder auf anderen Aufnahmen auch ihren Oberkörper oder die Silhouette ihres ganzen Leibes als Fotogramm in die Abzüge einschreibt, greift Sophie Thun auf die Methode der kameralosen Erzeugung fotografischer Abbildungen zurück, die vor ziemlich genau 100 Jahren von den Vertretern der Avantgarde, allen voran von Man Ray, erstmals in die bildende Kunst eingeführt wurde. Das Fotogramm bewegte sich von Anfang an der Schnittstelle zwischen Malerei und Fotografie. In beiden Medien stellt die Einmaligkeit des erzeugten Bildes ein zentrales Charakteristikum dar. So wird jeder Abzug zum Unikat.

Sophie Thun bevorzugt den analogen Prozess der Bildproduktion. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Künstler*innen ist sie mit der Arbeit in Labor und Dunkelkammer bestens vertraut und fertigt alle ihre Abzüge selbst an. In einem Interview mit der in Berlin erscheinenden Zeitschrift für junge Kunst „KubaParis“ äußerte sie sich folgendermaßen zu ihren Beweggründen: „Viele Leute gehen mit Fotografie um, wie man es aus der Kodak-Werbung kennt: ‚You press the button, we do the rest!‘ Beim Malen hingegen oder bei der Arbeit in der Dunkelkammer oder mit der Technik des Fotogramms entsteht das Bild, während du es machst. Die Praxis beeinflusst sozusagen das Ergebnis.“

„After Hours“, etwa „Nach Dienstschluss“ oder „Am Feierabend“, ist der Titel der oben beschriebenen Serie und bezieht sich auf die Tatsache, dass Sophie Thun diese Aufnahmen tatsächlich immer dann gemacht hat, wenn sie sich am Ende eines langen Arbeitstages in verschiedenen Städten in ihr Hotelzimmer zurückgezogen hat. Wie viele andere jüngere Künstler*innen arbeitet auch sie gelegentlich als Assistentin etablierter, in der Regel männlicher Kollegen. Insofern stellt die Serie „After Hours“ eine kritische Reflexion über prekäre Arbeitsbedingungen junger Frauen im Kunstbetrieb dar und macht Abhängigkeiten und Hierarchien innerhalb der Kunstwelt sichtbar. Gleichzeitig demonstriert Sophie Thun damit aber einen dezidierten Akt der Selbstbehauptung in Form der Rückeroberung von Kreativität und Arbeitskraft für das eigene Werk.

Zudem verhandelt sie auf umfassende Weise Kategorien des Privaten und des Öffentlichen, indem sie das an sich heimliche Geschehen hinter den geschlossenen Türen eines Hotelzimmers zum Thema einer fotografischen Serie macht. Hier bieten sich interessante Vergleiche mit Sophie Calles Arbeit „L’Hôtel“ von 1981 oder Florian Slotawas Serie „Hotelarbeiten“ von 1998/99 an. Mit „After Hours“ reiht sich Sophie Thun jedoch in erster Linie in eine lange Tradition performativer weiblicher Selbstinszenierungen für die Kamera ein, zu deren Pionierinnen seit den 1970er Jahren Künstlerinnen wie Hannah Wilke, Carolee Schneemann, Lynda Benglis, Eleanor Antin, Marina Abramovic oder Cindy Sherman gehören.

Stets geht es in den Arbeiten von Sophie Thun darum, unter feministischen Vorzeichen Mechanismen der Konstruktion und der Repräsentation des weiblichen Körpers offenzulegen, männlich dominierte Blickregime in Frage zu stellen und aus weiblicher Perspektive neu zu definieren. „Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich, sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen“, schrieb Simone de Beauvoir 1951 in ihrem Werk „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“. Seitdem ist zwar viel geschehen, dennoch haben sich tradierte Rollenbilder bis heute hartnäckig in bestimmten Milieus außerhalb und innerhalb des Kunstbetriebs gehalten oder drohen sogar, sich erneut zu verfestigen.

In diesem Zusammenhang soll Sophie Thuns Mitgliedschaft und kuratorische Tätigkeit in zwei überwiegend weiblich besetzten Wiener Künstlerkollektiven nicht unerwähnt bleiben. So ist Thun seit 2015 Mitglied bei „dienstag abend“. Dabei handelt es sich um ein 2009 gegründetes, nomadisches Projekt, das an wechselnden Orten mit wechselnden Akteuren interdisziplinäre, nicht hierarchische Ansätze erzeugt. Das zweite Künstlerkollektiv, an dem Sophie Thun mitwirkt, heißt „Mz* Baltazar’s Lab!“. An der Schnittstelle von Technologie, Kunst und sozialpolitischen Themen widmet sich diese bunt zusammengesetzte Gruppe feministischen Fragestellungen.

Eine größere Aufmerksamkeit erfuhr Sophie Thun mit ihrer Einzelausstellung „Double Release“, die im Frühjahr 2018 in den Räumen der Galerie Sophie Tappeiner in Wien stattfand. Im Zentrum der Schau stand die für die Personale und teilweise in den Räumlichkeiten der Galerie fotografierte Arbeit mit dem englischen Titel „While Holding (passage closed)“. Sie besteht aus sechs großen, zusammengesetzten, sich leicht überlappenden Bögen belichteten Fotopapiers. Dieses Ensemble hat Sophie Thun in der Galerie vom der Decke bis zum Boden angebracht, so dass ein Durchgang geschlossen wurde. Daher erklärt sich der in Klammern gesetzte Zusatz „passage closed“ im Titel.

Bei dieser Fotoarbeit mit einem lebensgroßen Selbstporträt der Künstlerin handelt es sich diesmal nicht um eine Aktaufnahme. Sophie Thun trägt schwarze Alltagskleidung. Die Künstlerin blickt die Betrachter*innen frontal und selbstbewusst durch ihre markante Metallbrille an, die sie gleichfalls zu den Aktbildern der Serie „After Hours“ aufsetzt und die schon zu so etwas wie dem Markenzeichen der Künstlerin geworden ist. Auf der Arbeit „While Holding (passage closed)“ legt Sophie Thun abermals die Machart ihrer Produktion offen. In der rechten Hand hält sie einen Selbstauslöser am Kabel. Auch in diese farbige Fotoarbeit hat Sophie Thun wieder Fotogramme von ihrem eigenen Körper integriert und taucht zwei Mal als weißer Schatten in Seitenansicht auf. Der Betrachter entdeckt Sophie Thun dann noch ein viertes Mal. Sie ist auf der Fotoarbeit zu sehen, wie sie die Aufnahme von ihrem eigenen Selbstporträt mit beiden Händen hochhält.

Sophie Thun wird somit nicht nur zur Produzentin dieses faszinierenden vielschichtigen Werkes, sondern auch zu dessen Repräsentantin. Das Spiel mit verschiedenen, sich überlagernden Identitäten ist charakteristisch für ihr Schaffen. Ebenfalls wichtig ist der räumliche Bezug der Arbeit „While Holding (passage closed)“, die nicht nur einen Durchgang in der Galerie verdeckt, sondern deren unterer Teil auch den Galerieboden bedeckt. Sophie Thun konstruiert und dekonstruiert Räume, indem sie Blickwinkel und Perspektiven verschiebt.

Es lohnt sich ein Vergleich mit dem berühmten fotografischen Selbstporträt aus der Serie „Art is a Criminal Action“ der deutschen Foto- und Medienkünstlerin Ulrike Rosenbach von 1969/2017. Auch sie inszenierte sich als selbstbewusste Frau vor der Kamera, und zwar im Westernlook, breitbeinig, mit Jeans, weißer Bluse, Westerngürtel und Colt. Sie richtet diesen Colt auf die Betrachter*innen. Schuss – Gegenschuss. Schon Ulrike Rosenbach arbeitete ebenso mit Strategien der Verdoppelung und Vervielfachung des Selbst.

Der Omnipräsenz digital erzeugter und unendlich oft reproduzierbarer Fotografien begegnet Sophie Thun, indem sie in der Dunkelkammer unverwechselbare Unikate anfertigt, die die technischen und philosophischen Aspekte des Mediums reflektieren. Gleichzeitig stellt sie die genderspezifischen Produktions- und Arbeitsbedingungen als weibliche Produzentin fotografischer Bilder in einer nach wie vor vom instrumentellen männlichen Blick beherrschten Welt, kritisch und mit einer gewissen Prise Humor sowie Selbstironie unterfüttert, auf den Prüfstand.

Aktuell ist Sophie Thun eine der beiden Preisträgerinnen des f/12.2 Projektstipendiums der DZ Bank Kunstsammlung in Frankfurt am Main. In diesem Zusammenhang wird sie wieder ein Selbstporträt erstellen, das ihr Leben und die Produktionsumstände ihrer Arbeit thematisiert. Sophie Thun beabsichtigt, alle Gegenstände in ihrer Einzimmerwohnung, die 1:1 auf ein Großnegativ passen, zu fotografieren und als Kontaktabzüge zu belichten. Auch hier plant sie wieder, ihre Hände in Form fotogrammartiger Leerstellen in die Arbeiten einzuschreiben.

Die Ausstellung „Extension“ von Sophie Thun ist noch bis zum 6. Juni bei C/O Berlin zu sehen. Derzeit ist sie aufgrund des Corona-Virus bis auf Weiteres geschlossen. In der Secession in Wien sollte die Schau „Stolberggasse“ von Sophie Thun Ende April anlaufen, wird wohl aber nur in digitaler Form präsentiert.

www.sophiethun.com



21.04.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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